Mathematische Grundkompetenzen benötigen wir im Alltag oft unbewusst und ohne gross darüber nachzudenken: Wir überprüfen das Wechselgeld im Laden, kalkulieren den nächsten Einkauf, messen ab, ob der neue Schrank in die Nische passt oder rechnen aus, wann wir abfahren müssen, um rechtzeitig zu einem Vorstellungsgespräch zu gelangen.

Was vielen von uns leicht fällt, ist für einige ein schier unüberwindbares Hindernis. Ähnlich wie Analphabetismus behindert es die Betroffenen in ihrem Alltag und im Beruf. Fehlende Grundkompetenzen in Mathematik und Sprache sind in der Schweiz weiterverbreitet als vermutet. Deshalb fördert der Bund seit 2017 die Grundkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen und Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien unter anderem mit dem Programm «Einfach besser…». Für diesen Blogartikel haben wir mit Betroffenen gesprochen und einen unserer Grundkompetenzkurse in Mathematik bei Academia Integration in Luzern besucht.

Vier Schülerinnen und Schüler – eine gemeinsame Aufgabe: die eigene Angst überwinden

Jeannine Haefeli fällt Lernen im Allgemeinen und Mathematik im Speziellen schwer. Schon in der 1. Klasse wurde bei ihr eine Lernschwäche festgestellt. Trotzdem hat sie an ihre Schulzeit gute Erinnerungen: «Ich habe in der 1. Klasse an das Heilpädagogische Zentrum Hohenrain gewechselt. Dort habe ich gute Freunde und Kollegen gefunden und ich konnte in meinem Tempo lernen. Einzig im Rechnen hatte ich immer grosse Mühe. Das war frustrierend.»
Heute besucht sie einen Grundkompetenz-Kurs in Mathematik bei Academia Integration in Luzern.

In ihrer Klasse sitzen drei Schülerinnen und ein Schüler mit unterschiedlichem Hintergrund: Efrem stammt aus Äthiopien. Rechnen kann er eigentlich, hat er doch in der letzten Lektion erklärt, wie er in der Schule gelernt hat, grosse Zahlen zu multiplizieren. Doch oft will er die Aufgaben lösen, bevor er die Anweisungen richtig verstanden hat. Das Resultat sind viele Fehler.

Seine Banknachbarin Sedighe ist das Gegenteil: Die junge Frau arbeitet ruhig und konzentriert. In ihrer Heimat Afghanistan konnte sie nur während vier Jahren die Schule besuchen – danach war Schluss. Heute muss sie zuerst lernen, wie sie sich neues Wissen aneignen kann.

Die dritte Schülerin in der Klasse ist Maria*. Sie hat die Schulen in der Schweiz besucht; mit Kopfrechnen und Zahlen stand sie aber trotz aller Bemühungen auf Kriegsfuss. Trotzdem möchte sie unbedingt Fortschritte machen und setzt sich selbst unter enormen Druck. Leider lässt sie sich leicht ablenken. Ist die Konzentration erst einmal weg, geht nichts mehr. Aufgaben, die sie vorher noch selbstständig lösen konnte, sind dann ein Buch mit sieben Siegeln. Eine frustrierende Situation! Im Unterricht lernt sie neben dem Rechnen, wie sie solche Krisen überwinden kann: zum Beispiel, indem sie kurz nach draussen geht und den Kopf lüftet.

Die Vierte im Bunde, Jeannine, bezeichnet sich selbst als «faule Socke». Nach der Schule hat sie eine Lehre in der Montage gemacht und arbeitet heute an einem geschützten Arbeitsplatz in der Kreativabteilung der Stiftung Brändi: «Wir nähen zum Beispiel Leseknochenkissen oder bemalen Holz. Manchmal kommt auch ein Künstler vorbei, der mit uns während einem halben oder ganzen Tag arbeitet und Neues zeigt».

So unterschiedlich die Biografien der Schülerinnen und Schüler sind, eines haben sie gemeinsam: «Sie müssen ihre eigenen Ängste überwinden. Die meisten Schülerinnen und Schüler in diesen Kursen haben eine erfolgreiche Strategie entwickelt, wie sie Rechnen und Zahlen vermeiden können,» erzählt Gérard Gohl, der diesen Kurs nun zum zweiten Mal unterrichtet.

Heute steht das Thema Rechnen mit Geld auf dem Programm: Geldbeträge vergleichen, addieren, verdoppeln, Rückgeld ausrechnen sowie Gesamtbeträge errechnen und Schätzen von Beträgen werden geübt. Die Teilnehmenden arbeiten selbstständig an den Aufgaben und wählen die Themenbereiche, die sie am meisten interessieren. Gérard geht geduldig und individuell auf die Fragen und Bedürfnisse der Teilnehmenden ein: Er erklärt, wie vorzugehen ist, korrigiert, unterstützt und motiviert.

Maria stürzt sich sofort auf die Aufgaben, bei denen sie das Rückgeld berechnen muss, zum Beispiel: «Wenn der Kunde CHF 4.35 mit einer 10er-Note bezahlt, erhält er wie viel Rückgeld?» mithilfe von Spielgeld veranschaulicht sie die Ausgangslage: Sie legt eine 10er-Note auf den Tisch, daneben zählt sie die CHF 4.35 ab. Nun ergänzt sie auf einem dritten Stapel, den fehlenden Betrag.

Jeannine hat die ersten Aufgaben schnell und richtig gelöst. Gérard empfiehlt ihr deshalb, sich auf die Themen zu konzentrieren, die ihr schwerfallen. Da es nicht genügend Spielgeld für alle gibt, leert sie ihr grosses Portemonnaie aus und legt mit ihren Münzen die verschiedenen Beträge. Im Gespräch meint sie: «Der Kurs gefällt mir gut. Gérard ist nett und geduldig und nimmt sich die nötige Zeit. In der Schule kann ich die Aufgaben auch gut lösen und verstehe, was mir der Lehrer erklärt. Aber wenn ich Zuhause bin, ist oft alles schon wieder weg».
Ihr erklärtes Ziel ist es, in den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen: «Dazu muss ich aber besser rechnen können.» Der Kurs hilft ihr dabei, ihrem Ziel einen Schritt näherzukommen.

Der Kanton Luzern fördert Grundkompetenzkurse mit einem Bildungsgutschein

Der Kanton Luzern unterstützt Erwachsene, die einen «Einfach besser…»-Kurs belegen wollen, mit einem Gutschein von CHF 500.00. Der Kurs bei Academia Integration dauert 10 Wochen, der Unterricht findet einmal pro Woche am Abend in kleinen Gruppen statt.
Wichtig ist Gérard, dass der Unterricht etwas für den Alltag bringt und Spass macht. Deshalb können die Teilnehmenden auch ihre Wünsche einbringen: «Maria hat von Anfang gesagt, dass sie besser mit Geld rechnen will – deshalb bearbeiten wir dieses Thema heute im Unterricht.» Neben dem Vermitteln der Grundkompetenzen braucht es auch viel Motivation. «Die Teilnehmenden sollen merken, dass sie Fehler machen dürfen,» erklärt Gérard. Das ist auch Jeannine wichtig: «Es wäre schön, wenn man im Alltag wenigstens anerkennen würde, dass ich es versucht habe. Wenn mir jemand einfach sagt, ‘das ist falsch’ kränkt mich das». Im Unterricht bei Gérard sind Fehler nicht nur erlaubt, sondern erwünscht: «Ich selbst mache ja auch Fehler. Wenn das im Unterricht geschieht, diskutieren wir darüber und erarbeiten die richtige Lösung gemeinsam.»

Es braucht Überwindung, aber man muss darüber reden (können)

Sich einzugestehen, dass man mit Lesen, Schreiben oder Rechnen Mühe hat, fällt vielen schwer. Noch mehr Überwindung braucht es, mit anderen darüber zu sprechen und sich für einen Kurs anzumelden. Jeannine möchte, dass darüber gesprochen wird und hat deshalb dem Gespräch mit uns zugestimmt. Sie scheut sich auch nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen: «Vor allem beim Rechnen nehme ich gerne Hilfe an.»
Sie versucht ihren Mitmenschen jeweils zu erklären, was eine Lernschwäche ist: «Für mich ist es schwierig, mich hinzusetzen und zu lernen. Ich brauche mehr Zeit dafür als andere.» Sie hat gelernt, abschätzige Kommentare zu ignorieren: «Wenn jemand etwas Negatives über dich sagt, stehe darüber und schenke dieser Aussage keine Beachtung.» Sie wünscht sich, dass die Menschen miteinander respektvoll umgehen: «Ich habe gelernt, dass ich die Menschen so behandle, wie ich gerne behandelt werden möchte. Deshalb geht es für mich gar nicht, wenn man andere plagt, die eine Lernschwäche haben».
Dem können wir uns nur anschliessen und den Hut vor allen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern ziehen, die einfach besser im Lesen, Schreiben und Rechnen werden wollen.

*Name wurde geändert

Author

Diana Widmer, Leiterin Marketing & Kommunikation Academia Group

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